“Sie brauchen keinen Sekt mitnehmen. Ich trinke lieber Bier”

Kerstin Fischbach ist eine Pionierin. Weniger, weil sie lieber Bier statt Sekt trinkt, sondern weil sie als Dame in einer Herrenmannschaft Tischtennis spielt, was nicht alltäglich ist. Und das zudem mehr als erfolgreich, schließlich errang unsere 1. Mannschaft des TSV vor eineinhalb Wochen den Pokalsieg auf Kreisebene. Wie es dazu kommen konnte, warum es sich lohnt, beim Tischtennis zuzuschauen und vor allen Dingen warum viel mehr Jugendliche (aber auch Erwachsene) dem kleinen weißen Ball nachjagen sollten – und natürlich noch vieles mehr – könnt ihr im folgenden Interview der Woche mit der Oberdielferin, die wie sie sagt 29 Jahre alt ist ("…wie jede Frau") und als selbstständige Buchhalterin arbeitet, nachlesen…
 
Herzlichen Glückwunsch zum Tischtennis-Kreispokalsieg der Kreisliga, Kerstin. Du hast mit deinen Mitspielern – beim 4:3  gegen Bad Berleburg – erstmals den Cup zum TSV geholt: Seid ihr mit diesem Ziel auch in die Runde gegangen?

Ja vielen Dank, auch im Namen „meiner Männer“. Der Pokal ist für uns eigentlich nebensächlich gewesen, allerdings von Runde zu Runde kam natürlich dann doch der Wunsch, als Sieger im Endspiel von der Platte zu gehen. Was uns ja letztendlich auch gelungen ist.
 
Wie zu lesen war, war es eine sehr enge Kiste. Was hat denn am Ende den Ausschlag für euch gegeben? Die Berleburger spielen ja immerhin eine Klasse höher als euer Team und waren sicherlich der Favorit?

Da spricht der Fußballer aus der Frage…. Nur weil Berleburg in der Kreisliga 1 spielt, sind die Berleburger nicht eine Klasse höher angesiedelt. Wir haben vier Ebenen im Kreis, Kreisliga, 1. Kreisklasse, 2. Kreisklasse und die 3. Kreisklasse. Die Kreisliga besteht aus zwei Gruppen, 1 und 2. Wir spielen auf einer Ebene, haben allerdings zuvor nie gegen Berleburg gespielt und kannten auch keinen der Spieler. Rein von der Papierform her waren eigentlich wir der Favorit. Allerdings, und da sind wir nicht anders wie der Fußball, hat der Pokal seine eigenen Gesetze….. Bei uns lief es nicht ganz so gut und die Berleburger waren natürlich hoch motiviert, die Chance doch zu nutzen. Allerdings hatten wir vor allem im letzten Spiel durch den Kampfeswillen von Wolfgang und dem auf einmal vorhandenen zittrigen Händchen des Gegners das nötige Quäntchen Glück auf unserer Seite.
 
Etwas ungewöhnlich ist es – zumindest wenn man sich viele andere Sportarten zum Vergleich heranzieht – dass du mit drei Männern eine Mannschaft gebildet hast. Ist das im Tischtennis völlig normal oder bildest du da eine Ausnahme und wie ist es überhaupt dazugekommen?

Das ist nur im Pokal so, da spielen manchmal auch nur drei Männer. In den Meisterschaften habe ich fünf Männer um mich versammelt, diese Spiele werden bei den Herren (außer 3. Kreisklasse und Bundesliga) mit einer Sechsermannschaft bestritten. Im Gegensatz zum Badminton ist das auch im Tischtennis überhaupt „nicht normal“ und ich bin zumindest was unseren Kreis angeht eine von sehr wenigen Ausnahmen. Diese Möglichkeit, als Dame (so heißt das im Tischtennis) bei den Herren zu spielen gibt es schon etwas länger, allerdings war das bis letzten Sommer auch nur auf Kreisebene beschränkt. Seit ca. 3 Jahren habe ich mit dafür „gekämpft“, dass ich als Dame auch auf Bezirksebene bei den Herren mitspielen darf. Der mehrheitlichen Entscheidung dafür mussten sich dann die „Gralshüter“ des Tischtennis im Bezirk beugen ;-).

Aber wieso spiele ich bei den Herren? Das fragen mich viele und auch immer wieder andere Damen, die mich zurück haben wollen (meine „alte Mannschaft aus Geisweid, für die ich über 20 Jahre gespielt habe)  oder mich zu einem Wechsel in eine Damenmannschaft bewegen wollen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Der erste ist sicherlich, dass ich bei den Damen in vergleichbarer Stärke mind. Verbandsliga eher NRW-Liga spielen müsste. Heißt, ich müsste zu einem Auswärtsspiel an einem Samstag eine Fahrzeit von min. 1- 1,5 Stunden in Kauf nehmen, das war zum damaligen Zeitpunkt für mich wegen Familie eher schlecht möglich. Der zweite vielleicht auch der eher entscheidende Grund war die Geselligkeit drum herum. Natürlich will man gewinnen, aber in diesen „unteren“ Klassen möchte man doch auch das Gesellige nach dem Spiel pflegen. Das war zum  damaligen Zeitpunkt bei meiner alten Mannschaft eher weniger gegeben. Und da ich deswegen schon länger mit solch einem Wechsel geliebäugelt habe und mir da gerade zum richtigen Zeitpunkt jemand von Weißtal über den Weg lief, ist es zu diesem Wechsel gekommen. Wobei ich dazu sagen muss, das „meine Männer“ am Anfang sehr skeptisch waren, ob das mit einer Dame auch so klappt. Aber diese Bedenken konnte ich schnell widerlegen. Sie brauchen auch keinen Sekt für nach dem Spiel mitnehmen, ich trinke lieber ein Bier.
 
In der Meisterschaft belegt ihr Platz fünf (von 12 Teams), der Rückstand zur Spitze beträgt nur drei Punkte. Entspricht das euren Zielen oder geht der Blick noch weiter nach oben?

Platz fünf entspricht überhaupt nicht unseren Zielen. Unser Ziel ist in diesem Jahr ganz klar der Aufstieg. Allerdings läuft es bei uns in der Rückrunde nicht so ganz rund. Wir hoffen, dass wir uns da zum einen nochmal wieder steigern können und natürlich auf der anderen Seite auf entsprechende Ausrutscher der Konkurrenz. Diese ist in diesem Jahr besonders stark und im Gegensatz zu den vergangenen Jahr wollen mehrere Mannschaften aufsteigen. Aber wir hoffen natürlich weiter auf den Aufstieg…
 
Wann hast du angefangen, Tischtennis zu spielen?

Das ist jetzt eine kleine Fangfrage… Wenn ich jetzt sage, wie lange ich schon spiele… Dann passt meine Aussage zum Alter nicht so ganz…. Ach nein, Du möchtest ja nur wissen, wann ich angefangen habe: Nach meinem sechsten Geburtstag durfte ich endlich mit meinem Papa zum Training. Das war vor vierzig Jahren… Jetzt hab ich es doch verraten… Da waren auch Zeiten zwischen, wo ich das Ganze als Leistungssport betrieben habe, mittlerweile ist das ein wunderschönes Hobby in sehr angenehmer Gesellschaft, die ein oder andere gegnerische Mannschaft schon mal ausgenommen.
 
Hat sich zu damals „an der Platte“ viel geändert?

Ja, es hat sich wie in allen Sportarten einiges geändert. Die für mich persönlich gravierendste Änderung war die Umstellung des Satzes vom 21. auf den 11. Gewinnpunkt. Ich bin schon immer eine „Spätstarterin“ in die Sätze gewesen, manchmal erst wenn der Gegner schon 11, 12 Punkte hatte. Da ist nun der Satz vorbei. Das war gerade für mich eine sehr große Umstellung, mit der ich am Anfang sehr zu kämpfen hatte. Alle anderen Änderungen sind wie in allen Sportarten einfach passiert, es ist überall professioneller geworden und hängt immer mehr vom Geld ab. Gebt uns einen entsprechenden Sponsor und wir spielen innerhalb von ein paar Jahren auch in der Bundesliga.
 
Euer Abteilungsleiter Michael Vitt hat schon oftmals angemerkt, dass euch ein wenig der Nachwuchs fehlt. Warum sollte denn ein junger Mensch zu euch kommen?  

Im Gegensatz zum Fußball spielen wir immer in einer warmen Halle. (wenn die Gemeinde die Heizung auch anstellt…). Spaß beiseite, junge Leute zum Tischtennis zu bewegen ist heut zutage sehr schwierig geworden, dafür ist das Freizeitangebot im Gegensatz zu früher einfach zu groß geworden und es gibt, das muss man auch ganz klar so sagen, zu viele Eltern, die meinen, ihr Kind heißt eigentlich Christiano Ronaldo oder Messi und muss natürlich Fußball spiele… (und auch die Kinder träumen natürlich von der großen Fußballkarriere…). Dabei ist Tischtennis eine Sportart, die man im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten bis hin ins hohe Alter betreiben kann. Auf der letzten Seniorenweltmeisterschaft haben noch Damen über 90 gespielt! Sie ist nicht sonderlich verletzungsanfällig und stärkt schon extrem die Reaktionsfähigkeit und auch den Kopf, denn man steht alleine an der Platte und muss sich recht schnell auf die Spielsituation einstellen können. Allerdings, und das ist eins der Hauptprobleme in unserer Zeit, Tischtennis hat keinerlei Medienpräsenz und zieht somit natürlich weniger Kinder in die Halle. Wir sind noch in der zur Zeit glücklichen Lage, eine Jugend und eine Schülermannschaft zu haben. Viele Vereine sind mittlerweile vom „Aussterben“ bedroht, da diese keinen Nachwuchs mehr haben und das Durchschnittsalter vieler Mannschaften kurz unterhalb der Rente liegt. Der Vorteil vom Tischtennis liegt auch m.E. ganz eindeutig in den kleineren Mannschaften. Im Tischtennis kann ich viel eher regelmäßig in einer Mannschaft spielen als z.B. im Fußball, denn nur Training auf Dauer und immer auf der Bank sitzen macht eigentlich auch keinen Spaß…..
 
Kannst du uns mal einen kleinen Einblick in euer Team geben? Spielt ihr immer in der selben Besetzung? Wieviele Spieler nehmen überhaupt an einem Spiel teil?

Wie oben schon erwähnt, spielen wir in einer Sechser-Mannschaft.  Und fehlen darf nur der derjenige, der den Kopf unter dem Arm trägt….. Nach Möglichkeit spielen wir natürlich immer in der gleichen Besetzung, so sind unsere drei Herrenmannschaften ja auch aufgestellt. Allerdings ist natürlich auch schon mal jemand krank, beruflich verhindert oder es gibt keine Betreuungsmöglichkeit für die Kinder bei unseren teilweise Alleinerziehenden. Aber dafür haben wir ja unsere 2. und 3. Mannschaft, die dann entsprechend aushelfen kann und das natürlich gerne macht, falls sie keine eigenen Spiele haben. Dann wird geschaut, wer am dringendsten (je nach Tabellensituation)  in der stärkst möglichen Besetzung spielen muss.
 
Wie oft trainiert ihr? Gibt es auch schon `mal außersportliche Veranstaltungen wie Mannschaftsfahrten oder Feiern?

Trainingsmöglichkeiten haben wir Montag, Mittwoch und Freitag. Wobei der Freitag in der Regel er häufigste Spieltag ist und somit eher weniger zum Training da ist. Die Haupttrainingstage sind daher Montags und Mittwochs, wobei ich mich da im Moment aus privaten und beruflichen Gründen leider etwas seltener (andere würden jetzt sagen: nie….) blicken lasse, das wird sich aber hoffentlich irgendwann mal wieder ändern. Wir sind auch immer offen, für jeden der zu uns ins Training kommen will, auch diejenigen, die vielleicht noch nie oder auch lange keinen Schläger mehr in der Hand hatten. Auch „Nachwuchs“ im fortgeschrittenen Alter ist herzlich willkomme.  Mannschaftsfahrten machen wir auch: Die letzte ging nach dem Meisterschaftsspiel  zu der Krone in Wilnsdorf… Nein, reine Mannschaftsfahrten im herkömmlichen Sinne machen wir nicht, die Abteilungsfahrt mit allen ist schon länger in Planung und soll zeitnah mal umgesetzt werden. Unsere letzte Feier die stattfinden sollte, unsere Weihnachtsfeier, wurde ja dank der Gemeinde Wilnsdorf zu Nichte gemacht. Wir durften für die Vereinsmeisterschaften mit anschließender Weihnachtsfeier die Halle in Rudersdorf nicht nutzen. Ansonsten gibt es natürlich auch schon mal den Weihnachtsmarktbesuch, den ein oder anderen Geburtstag, etc. und natürlich das gemütliche Zusammensein (Bierchen) nach dem Training oder Spiel.
 
Abschließend: Warum spielst du ausgerechnet beim TSV – es gibt ja auch noch viele andere Vereine im Siegerland – und was würdest du sagen, zeichnet deine Mannschaft aus?

Tja, warum der TSV Weißtal…. Da ich ja schon länger mit dem Wechsel in eine Herrenmannschaft geliebäugelt hatte, habe ich mir natürlich die umliegenden Vereine genauer betrachtet. Es durfte kein Verein mit einer Damenmannschaft sein (dann müsste ich da spielen), in den ein oder anderen Verein wollte ich aus persönlichen Gründen nicht (da hat Frau ihre Prinzipien….). Bei allen anderen in Frage kommenden habe ich mir dann einfach die Spieler in den einzelnen Mannschaften angeschaut. Wen kenne ich (näher…), wen mag ich oder wen kann ich da nicht leiden. Da war Weißtal recht schnell im Recall. Und dann ist mir zum richtigen Zeitpunkt jemand über den Weg gelaufen, der mich mit ins Training genommen hat. Und im Training bin ich sofort so herzlich, auch von denen, die mich nicht kannten, aufgenommen worden, dass ich auf die Frage: „Wir brauchen noch jemanden für die zweite Mannschaft, du darfst doch ja, hättest Du Lust“ nicht lange nachdenken musste.  Da mussten die Herren schon mehr drüber nachdenken, ob sie mit einer Dame, vor allem mit mir und meiner recht bewegten Tischtennis-Vergangenheit, zurechtkommen. Und diese Entscheidung habe ich nie bereut, weder in der Zweiten noch in der Ersten und schon gar nicht in der Abteilung. Da geht es nicht nur um die eine jetzige Mannschaft, sondern um das Wohlfühlen generell. Natürlich gibt es auch schon mal kleine Zickereien, Entschuldigung, kleine Streitereien  wir sind ja bei den Herren, wie überall, aber trotz alle dem fühlen wir uns zusammen wohl in der Abteilung und haben gemeinsam Spaß an unserer Lieblingssportart……